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Diverses & Anderes

Text Tanz Körperkartografien

blaue Körper

blaue Körper schimmern in der Nacht. lausche —— — • – im Ozean träumende Körper im Kreislauf der Gezeiten. —– — – bleib bei mir (nah). Veröffentlicht am 05.12.2022

Goldstaub in den Venen

lausche. alle meine Körper. – – – – – – – – – – – begehrend sprechend träumend denkend bewegt. – – – – – – – er – finden sich dich mich suche mich in dem Versuch. lausche. – – —- – —— damit endlich etwas passiert, etwas Magisches. Veröffentlicht am 25.04.2022.

Stille Wellen Fallen

Ein Text zu Wellen – einer Tanzperformance von Mareike Buchmann Ein bewegter Raum „As life experiences deepen, art expression expand. As art expression deepens, life experiences expand.”[1] Stille Der Raum, den du betrittst, ist warm und sanft geschwungen. Angenehme Pastell Töne schimmern, leuchten, glitzern. Ein großes Stück Stoff nimmt die gesamte vordere Ecke des Raumes ein. Schlägt leichte, unregelmäßige Wellen und erscheint dir so lebendig, dass es nur das Meer sein kann. Eine Frau liegt auf dem Rücken. Wird behutsam getragen. So jedenfalls erscheint es dir. Ganz behutsam und ganz langsam. In Stille. Du wirst ruhig. Spürst wie du ein und ausatmest. Hörst wie du ein und ausatmest. Ein Aus. Immer im Wechsel. Ein Aus. Dann beginnt die Performance, was du eigentlich nur bemerkst, weil das Publikum leise wird. Für dich hat es nämlich längst schon begonnen. In unserer schnelllebigen Zeit, in der wir permanent Impulsen von außen ausgesetzt sind, evoziert das Performance-Solo Wellen von Mareike Buchmann mit seiner gedehnten Zeitlichkeit das Gefühl von einem Ort, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Oder vielleicht auch gerade wegen seiner Stille, seiner Langsamkeit, seiner Konsequenz, genau der Ort ist, an dem wir sein wollen, sollen. Der Ort, an dem wir fast vergessen haben zu sein. Zu sein, mit unserem Atmen, unserer Körperlichkeit, unseren Empfindungen, Gedanken, Gefühlen, unseren Beziehungen zu Raum, Objekten, anderen Körpern. Dieser Ort kann hier oder dort sein. Jetzt, damals oder später. Damals. 4´33´´ – Vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden ist ein Musikstück des amerikanischen Komponisten John Cage aus dem Jahr 1952. Während der gesamten Spieldauer ist kein einziger Ton zu hören. Das Stück spielt in Stille und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit auf die Geräusche, die in unserer Umgebung und in uns selbst stattfinden. Der Postmodern Dance, die US-amerikanische Tanzavantgarde, ging aus der Judson Church-Bewegung hervor, einer losen Gruppierung junger Tänzer*innen und Choreograf*innen, wie Trisha Brown, Yvonne Rainer, Steve Paxton und viele andere, die in New York City in den 60er Jahren Tanz auf neue Art und Weise praktizierten und mit verschiedenen Präsentationsformen experimentierten: Tanz wurde zur Konzeptkunst. Der Postmodern Dance wurde maßgeblich durch die Arbeiten von John Cage mit dem Choreografen Merce Cunningham in den 1950er Jahren beeinflusst. Sie erforschten die Koexistenz von Tanz und Musik. So wurden beispielsweise Tanz und Musik unabhängig voneinander entwickelt und trafen erst zur Aufführung das erste Mal aufeinander. Zentraler Bestandteil ihrer Kollaboration war zudem das Arbeiten mit Stille. Wahrnehmung Jetzt. Sie steht barfuß inmitten des wellenschlagenden, fließenden, schimmernden Stoffes. Dreht sich impulsartig im Kreis. Zwirbelt mit den Füßen den Stoff zu dreidimensionalen Schneckenhäusern ein. Dynamikwechsel. Sie trinkt roten Saft aus einer kunstvoll gestalteten Schale. Stille. Dynamikwechsel. In raumgreifenden Bewegungen schwingt sie ihre Arme mal impulsartig, zunehmend mit spielender Leichtigkeit vor und zurück. Hoch und runter. Vor und zurück. Hoch und runter. Was dann? Wie weiter? Wohin nimmt sie dich mit? Auf die Suche? Es bleibt offen. Die Aufführungspraxis als eine fluide Struktur. Das situative Arrangieren und Choreografieren von Körper, Raum, Zeit: Bewegungen, Handlungen und Soundflächen fließen ineinander, miteinander, manchmal auch nebeneinander. Jeder Bewegung kann etwas ganz anderes folgen. In jedem Moment kann der Bewegungsfluss in Stille oder ein langsames Tasten in ein kraftvolles Stoßen münden. Das Arbeiten mit Improvisation, Zufall und Instruktionen sind zentrale choreografische Prinzipien im Postmodern Dance. Angeregt durch die Fluxus- und Happeningbewegung entwickelt sich ein Verständnis von Choreografie als ein „Akt der Wahrnehmung, in dem Performer*innen wie Zuschauende gemeinsam Bewegung erleben.“[2] Improvisation wird zur Aufführungspraxis. Dabei lassen sich verschiedene Herangehensweisen beobachten: Merce Cunningham beispielsweise interessierte sich primär für das Experimentieren mit dem Zufall, der das Moment der Unbestimmtheit und Unvorhersehbarkeit in den Vordergrund rückte. Anna Halprin wiederum arbeitete mit verschiedenen Möglichkeiten der Strukturierung von Improvisation in Form von Instruktionen und Regeln, die einen Rahmen festlegten, innerhalb dessen agiert werden konnte. Details Hier. Dein Blick darf wandern, abschweifen. Zerstreut sich immer wieder im Laufe des Abends. Ist mal hier, bei der sich kräuselnden Fingerspitze, bleibt mal dort bei der gewundenen Stofffalte haften. Beobachtet wie das Gewicht vom einem auf das andere Beim verlagert wird. Wie sich Rippenbögen ausdehnen und wieder zusammenziehen. Wie ein Fuß sich gemächlich über den Boden rollt oder wie die Balance gesucht, gefunden wird. Wie sich Handlungen wiederholen und verändern. Dein Blick zerstreut sich im Geschehen, Gedanken wandern. Immer wieder zurück zur eigenen Körperlichkeit: Auf dem Stuhl sitzend, beide Füße auf den Boden gestellt, Hände in den Schoß gelegt, Blick in den Raum gerichtet. Einatmen. Ausatmen. Wellen experimentiert mit einem minimalistischen Bewegungsmaterial wie tasten, schwingen, falten, ausdehnen, atmen, sitzen, stehen, gehen sowie mit Handlungen wie anziehen oder trinken. Der Charakter der Bewegungen bleibt für die gesamte Dauer der Performance unaufgeregt, situativ und spezifisch. Immer wieder geht es darum Etwas zu suchen oder zu finden. Etwas zu wiederholen oder zu verändern. Der Tanzkörper des Postmodern Dance ist nicht in einer einheitlichen Technik trainiert oder durch eine festgelegte Art und Weise sich zu bewegen bestimmt. Vielmehr löst er sich von der Virtuosität einzelner Tanztechniken und begibt sich auf die Suche nach den vielfältigen Möglichkeiten der Erforschung, Verfremdung sowie Inszenierung von Alltagsbewegungen wie Laufen, Fallen, Sitzen oder Liegen. Trio A – The Mind is a Muscle, Part 1 ist ein Solo von Yvonne Rainer, welches als eines der zentralen Tanzstücke der 1960er Jahre dem Postmodern Dance zugeordnet wird. Das Stück basiert auf scheinbar einfachen Bewegungsabläufen, die den Körper in gleichbleibender Dynamik falten, knicken und die Glieder einzeln, mit leichtem Schwung in den Raum bewegen. Materialitäten Dort. Alles bekommt seinen*ihren Raum. Alles ist miteinander verbunden. Immer wieder werden verschiedene Möglichkeiten erforscht im Raum zu sein, Raum zu geben, sich Raum zu nehmen oder etwas dazwischen. Es findet eine Interaktion zwischen den Objekten und dem Körper statt. Eine Annäherung in Beweglichkeit. Der Stoff. Die geschwungene, wellenartige Materialität des Stoffes. Du weißt ganz genau, wie es sich anfühlen würde den Stoff zwischen deinen Fingern zu halten. Ihn behutsam mit deinen Fingerspitzen zu berühren. Den glänzenden, glatten, vielleicht auch etwas kühlen Stoff durch deine Finger gleiten zu lassen. Eine haptische Wahrnehmung mit den Augen. Die Skulpturen. Geschwungene, durchsichtige Objekte aus geschmolzenem Plastik der Künstlerin Theresa Lawrenz, scheinen die Farbigkeit sowie die Bewegungen des Raumes aufzunehmen. Wirken organisch, sind dynamisch in ihrer eigenen Beweglichkeit. Sitzen, liegen oder hängen im Raum. Als wären sie Körper, die aufnehmen, wahrnehmen, was in ihrer Umgebung passiert. Das Theremin. Ein futuristisches Raumschiff , das Science-Fiction Assoziationen hervorruft und bei Star Trek eine große Rolle spielen könnte. Eine magische Atmosphäre geht von dem Instrument aus. So viel steht fest. Ein Duett entfaltet sich zwischen dem Instrument und Mareike Buchmann. Eine feinfühlige Annäherung. In zarten Bewegungen tasten sich einzelne Fingerglieder an das Instrument heran. Tasten sich vor. Erforschen, wie nah sie herankommen können und welche Töne dabei entstehen. Töne, wie das hohe Piepen eines Vogels oder das tiefe Schnurren eines dicken Katers, der sich behaglich auf deinem Schoß ein gekugelt hat. Dann wieder sehr melodische Töne. Danach etwas dazwischen. Vielschichtige Soundflächen, nehmen sich Raum. Nehmen sich auch wieder zurück. Nicht zur Musik tanzen, vielmehr inmitten und doch neben der Musik entfaltet sich der Körper. Bewegung und Sound stehen in einer direkten Verbindung zueinander, kommunizieren miteinander. Synergien Später. Stille Wellen Fallen. Sanft behutsam ohne Hast in alle Richtungen Ende offen. Literatur Alle Ausführungen und Referenzen zum Postmodern Dance basieren auf folgenden Texten und Büchern, die auf der einen Seite von Tanzwissenschaftlerinnen geschrieben sind, und aus unterschiedlichen Perspektiven, wie zum Beispiel Körperkonzepte (Sabine Huschka), Choreografieverständnisse (Gabriele Klein) oder Improvisationstechniken (Friederike Lampert) sich mit der westlichen Bühnentanzgeschichte beschäftigen. Auf der anderen Seite wurden auch künstlerische Arbeiten (John Cage & Yvonne Rainer) und Bücher von Tänzerinnen des Postmodern Dance (Anna Halprin & Yvonne Rainer) miteinbezogen, um unmittelbarer die Arbeiten und Stimmen einzelner Künstler*innen einzufangen, die nicht mit einer bestimmten theoretischen Brille auf ihr künstlerisches Arbeiten in den 1960er Jahren blicken, sondern dieses vielmehr reflektieren und kontextualisieren. Die Kombination von verschiedenen Stimmen und Perspektiven finde ich spannend: Anna Halprin, Making Dances That Matter, 2019. Friederike Lampert, Tanzimprovisation. Geschichte Theorie Verfahren Vermittlung, 2007, S. 58-63. Gabriele Klein, Zeitgenössische Choreografie, 2011, S. 46-53. John Cage: 4´33´´ 1952. Sabine Huschka, Moderner Tanz. Konzepte Stile Utopien, 2002, S. 228-258. Yvonne Rainer, Work 1961-73, 2020 und Trio A – The Mind is a Muscle 1966. [1] Anna Halprin, Making Dances that Matter, S. 10. [2] Gabriele Klein, Zeitgenössische Choreografie, 2011, S. 53. Weitere Informationen zur Arbeit von Mareike Buchmann findest du hier www.mareikebuchmann.de Veröffentlicht am 13.01.2022.

Das Denken über potenzielle Zukunftsmöglichkeiten ausschalten und aus dem Jetzt etwas machen.

H Heute habe ich auf der Straße in einem Haufen in mehr benötigter Dinge einen richtigen Schatz gefunden: ein orangefarbenes Notizbuch mit Beschreibungen einer Pragreise aus dem Jahr 1975: „Dann gehen wir in die Schatzkammer. Frau Luise erkämpft uns den Eintritt. Aber es wird ein solches Gedränge, dass man weder zuhören, noch wirklich betrachten kann. Ich habe wenig von all den Herrlichkeiten behalten, den Reliquienschreinen, Kreuzen, Heiligenbildern- und Brüsken.“ Minutiös halten die Reisenden alles fest, was sie sehen und erleben. Viele Kirchen. Das Notizbuch versammelt ein schier beeindruckendes kunstgeschichtliches Wissen. Zwei Personen haben in das Buch geschrieben, eine mit grüner Tinte, die andere mit Kugelschreiber. Manchmal haben sie den Text des jeweils anderen korrigiert, einzelne Straßennamen durchgestrichen und durch die richtigen ersetzt oder im Text des jeweils anderen die eigenen Beobachtungen sowie kleine Zeichnungen von Pflanzen, Räumen und Wegen eingefügt. Am 30.04.1975 hat es in Prag den ganzen Vormittag geregnet. K Katzenmann, 1904. Seit Jahren ziehe ich von Wohnung in Wohnung, von Stadt zu Stadt einen Cézanne Bildband mit um, den ich vor ungefähr neun Jahren auf der Straße gefunden habe. Damals habe ich noch Kunstgeschichte studiert und gedacht es wäre unfassbar cool einen Bildband zu besitzen. Wirklich reingeschaut in das Buch habe ich nie. Und die letzten neun Jahre mich gefragt, warum ich es überhaupt noch besitze auch nicht. In einem Anflug von rebellischer Jugendlichkeit habe ich das Buch buchstäblich auseinandergenommen und auf eine Fotografie von Paul Cézanne aus dem Jahr 1904 ein Foto meiner Kölner Pflegekatze Hexe geklebt. Et voilà, der Katzenmann. M Mir geht es gut. * Ich fühle mich gut. Es ist alles in Ordnung. Ich empfinde meine aktuelle Situation als zufriedenstellend. Ich bin okay. Ich nehme meine momentane Gefühlslage als ausgeglichen wahr. Ich hoffe nicht auf bessere Tage. Ich gebe mich dem Moment hin und kann feststellen, dass das zu einer befriedigten Grundstimmung führt. Ich bin ganz ruhig und gleichzeitig sehr fröhlich. Ich freue mich über die Sonne und schöne Nachrichten von schönen Menschen. Die Welt erscheint mir sehr farbenfroh. *Erstelle eine Liste mit zehn verschiedenen Arten zu sagen „Mir geht es gut“. O Online Schreibworkshop bei Instagram mit Rupi Kaur. 15 Minuten freies Schreiben und alle 1,5 Minuten wirft sie ein Wort* ein, welches man in seinen Text einbauen soll: “ It´s like when you were a kid. All the other girls loved HORSES* and wanted to have a horse. You were never really interested in horses. And it was fine not to be a horse-girl. It was fine because you did´t care. It was so much easier not to care when you were a kid.“ P Prozesse beobachten. | 19.03.2020, 14:40, Schönwetterwolken, frühlingshafte Temperaturen, eine leichte Brise aus Nordosten. | 20.03.20, 10:34, einzelne Wölkchen, ansonsten blauer Himmel, sehr warm. | 21.03.2020, 14:15, graue Wolken, sehr kalt und windig, kein Regen. | 23.03.2020, 12:36, blauer Himmel mit einem sehr starken Wind aus Nordosten. S Ein Anlass um sentimental zu sein. Darf ich vermuten? Die Zeit geht weiter, mit uns, ohne uns Die Gelegenheit einander zu berühren. Von Gelegenheit zu Geschehnis. Dringlichkeit taucht auf, verschwindet nicht mehr. halb nackt, ich lass mich so stehen Von Magie bin ich begeistert, das nur so am Rande. Ü Übersprünge: Montag. Mittwoch. Mittwoch. Donnerstag. Freitag. Samstag. Sonntag. Veröffentlicht am 27.03.2020.

Becoming Blue. Fragmente meiner blauen Notizbücher

A Anfänge sind fragile (An-) Gelegenheiten.* Am Meer habe ich als Kind gerne Dinge wie Muscheln, Steine, Algen oder Krebse gesammelt. Als Teenager lag ich gerne den ganzen Tag am Strand rum und habe Bücher gelesen oder Musik gehört. Heute löst das Meer eine tiefgreifende nostalgische Sehnsucht in mir aus. Ich spaziere hin und her, will dabei eigentlich raus in die blaue Ferne. Etwas hat sich verändert im Laufe der Jahre. Das wurde mir vor zwei Jahren am Meer bewusst. An einem mir unbekannten Ort liegt meine Urgroßmutter begraben. Sie wollte es so, in der Natur sein, für immer. B Beim Haare waschen mit Haarseife müssen die Haare richtig nass sein, sonst schäumt es nicht. Ich stelle mich dafür zuerst unter das Wasser, bis die Haare richtig nass sind. Dann nehme ich die Seife und reibe meinen Kopf mit dem Seifenstück ein, bis sich die Seife überall verteilt hat. Danach lege ich das Seifenstück zurück in die Dose und massiere mit beiden Händen die Seife in meine Haare ein, bis es schäumt. Zum Schluss spüle ich die Seife gründlich mit Wasser wieder aus meinen Haaren heraus. Bei Problemen habe ich früher immer meine Mutter angerufen. Sie hat mir am Telefon dann immer Ratschläge gegeben. E Eine Freundin erzählte mir, dass sie bald ein Kind bekommen möchte. Solange ich sie kenne, hat sie stets genaue Vorstellungen ihrer Zukunft gehabt und ihre Pläne oft auch genauso umgesetzt. Ich habe auch Pläne. Nur sind die Gegebenheiten, die Wirklichkeit werden meistens andere Dinge, als ich plante, die sich anders anfühlen, als ich dachte und zu einem völlig anderen Zeitpunkt eintreffen, als ich es mir vorstellte. So ist das in meinem Leben. Esel haben große Ohren. Mein Opa hatte auch große Ohren. Von meinem Opa habe ich gelernt mit den Ohren zu wackeln. I Ich beobachte einen großen Schwarm Vögel auf dem Weg zum Schwimmbad. Der Schwarm zieht einen nahezu perfekten Kreis am Himmel, bevor ich einige Momente später meinen Körper durch das Wasser ziehe. Eine Bahn nach der anderen. Immerzu hin und her. Ein Kreis will mir nicht gelingen. Die Baderegeln sehen keine Kreise vor. Ich lese gerne die ZEIT. ZEIT lesen bedeutet für mich Zeit haben. Ich nähere mich einem Wendepunkt. Das liegt in der Luft. Ich schreibe am liebsten in blaue Notizbücher mit einem blauen Stift. It´s okay not to know what you are trying to do.** M Mein Geburtstag ist ein jährlich auftretendes großes Ereignis für mich. Ich liebe meinen Geburtstag. Zu meinem 28. Geburtstag ist Diana gekommen. Diana ist ein kleiner analoger Fotoapparat mit schwarzen Gehäuse und blauem (!) Kopfteil. Diana trägt einen 35mm Film im Bauch und einen im Vergleich zu ihrer Körpergröße überproportionalen Blitzer auf dem Kopf. Mit Diana kamen vier Filme, eine Bedienungsanleitung und ein Inspirationsbuch, welches Dianas Fähigkeiten hübsch illustriert und mit vielen Beispielsfotos zum Besten gibt. Jetzt habe ich zwar immer noch kein Haustier, aber Diana ist da, und das ist ja schon mal ein Anfang. Mein Körper atmet, bewegt sich, knickt, dreht, krümmt sich, kann sich ausdehnen und zusammenziehen, schmeckt, hört, riecht, ertastet sich die Welt, spürt, nimmt wahr, erforscht, heilt und schläft. Mein Körper lebt. Mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren ist gefährlich. My courage is circumstantial. W Warum blau? Diese Frage habe ich mir in den den letzten Jahren oft gestellt. Maggie Nelson beantwortet in ihrem Buch Bluets diese Frage für mich am treffendsten: We don’t get to choose whom or what we love. We just don’t get to choose.*** Blau also. * aus: Expanded Writing. Inscriptions of Movement between Art and Science von Christina Ciupke, Daniela Hahn, Juliane Laitzsch, Sophia New und Isa Wortelkamp, Revolver Publishing 2019 ** aus: A Choreographer´s Handbook von Jonathan Burrows, Routledge 2010 *** aus: Bluets von Maggie Nelson, Penguin Random House 2009. Veröffentlicht am 01.02.2020.

How should Art be?

Ein Text über das Performanceprojekt I HAVE SEEN YOUR FACE ON BETTER DAYS in alphabetischer Reihenfolge* AKTUELL Aktuell sitze ich im Zuschauerraum der kleinen Bühne im tanzhaus nrw in Düsseldorf. Aktuell liegt eine fiebrig, knisternde Spannung in der Luft, weil die Performance I have seen your face on better days gleich beginnt. Aktuell bin ich auch ganz nervös, obwohl ich selbst nicht performen werde. Sitze auf glühenden Kohlen der Neugierde. Unter meinem Stuhl 70 Kalender, die an die Zuschauenden nach der Performance verteilt werden. Aktuell denke ich gerade noch darüber nach, wie Kalender und Performance wohl aufgenommen werden, da geht die Tür auf, das Licht an und im nächsten Augenblick ist keine Zeit mehr für Gedanken, die Vorstellung beginnt. BESPRECHEN Besprechen, wer in der Gruppenszene an meiner Stelle performen wird. Besprechen, wo das Objekt auf der Bühne platziert werden muss, damit das Video gut sichtbar ist. Besprechen, wie wir das Verteilen der Kalender an die Zuschauenden handhaben möchten. Besprechen, was diese Woche von wem noch erledigt werden muss. Besprechen, warum das Format des Kalenders als Publikation zur Performance inhaltlich Sinn ergibt. CHAOS Chaos wirbelt die Ordnung auf. DÜSSELDORF Düsseldorf präsentiert sich mit Schnee. Düsseldorf präsentiert sich an einem anderen Tag mit Regen. Düsseldorf präsentiert sich in der folgenden Woche mit Schnee-Regen. Düsseldorf ist ziemlich grau im Januar. ENTSCHEIDE DICH Entscheide dich für die Farbgebung, die Schrift, den Text. Entscheide dich für Instagram und ein Hashtag. Entscheide dich gegen das Verkaufen des Kalenders. Entscheide dich gegen schwarzen Boden. Entscheide dich unablässig für oder gegen Etwas. FRIEREN Frieren in der Künstlergarderobe, auf der Probebühne, auf der kleinen Bühne, auf dem Weg vom Bahnhof zum tanzhaus und vom tanzhaus zum Bahnhof. Frieren im Februar in Deutschland gehört wohl zum Business. GENUG Genug Wörter. Genug Gedanken. Genug Emotionalität. Genug Humor. Genug Körperlichkeit. HOW How should Art be? How should an Artist be? ICH Ich bin ein Morgenmuffel. Ich gebe mein Bestes. Ich interessiere mich für Menschen und ihre Geschichten. Ich fühle mich heute erkältet. Ich trage meistens blaue Kleidung. Ich arbeite gerne mit Hannah zusammen. Ich mag meine Katzen und die Musik von Queen. JAHRE Jahre vergehen: In einem Jahr bewegt sich die Erde ein Mal um die Sonne. In einem Jahr schläft eine Katze durchschnittlich 4 745 Stunden und ein Apfelbaum wächst 1 Meter. Jahre bleiben in meiner Erinnerung. Ereignisse und Gegebenheiten verwischen und auf einmal wächst die Katze einen Meter und der Apfelbaum schläft 4 745 Stunden. Währenddessen bewegt sich die Erde immer noch um die Sonne. KÜNSTLER*INNEN Künstler*Innen haben stets viele Ideen und meistens kein Geld diese zu realisieren. LASS LOS Lass los. MEIDE Meide überfüllte Züge. Meide Unfreundlichkeit. Meide schlechte Bäckereien am Bahnhof. Meide zu Spätkommen zur Probe. NACHDENKEN … OH Oh, diese Zigaretten!** PERFORMANCE Performance, als Begriff, kommt aus dem Englischen und steht für das Durchführen, Ausführen oder Darstellen von Etwas. Performance, im Sinne von Performancekunst, meint, ganz theoretisch gedacht, ein Ereignis, das selbstreferentiell, wirklichkeitskonstituierend und an den Augenblick der Aufführung gebunden ist. Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte spricht in diesem Kontext von einer sogenannten „leiblichen Ko-Präsenz von Akteur und Zuschauer“. Sie kennzeichnet Performances als einmalig, uniwiederholbar sowie ephemer, das heißt flüchtig. *** Performance Art ist für mich eine Kunstform, in der ganz viel möglich ist und die sich durch Interdisziplinarität auszeichnet. QUATSCHEN Quatschen über dies und jenes. Quatschen gehört zu jedem Treffen. RICHTUNGSWECHSEL Richtungswechsel in diesem Jahr anstreben. SEI Sei selbstbewusst. Sei standhaft. Sei mutig. Sei manchmal auch waghalsig. Sei aufrichtig. Sei nett zu deinen Haustieren. TELEFONIEREN Telefonieren mit Hannah. Jeden Tag, gehört ebenso zum Projekt, wie alles andere auch. UPLOADEN Uploaden von Fotos, Videos und Texten auf diversen Social Media Plattformen. Uploaden, um auf das Projekt aufmerksam zu machen. Macht man jetzt im Internet und nicht mehr mit Flyern, habe ich gelernt. VIELLEICHT Vielleicht kann ich das. Vielleicht kann ich es nicht. Vielleicht ist können die falsche Einstellung. Vielleicht ist versuchen alles, was ich tun kann. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es ja auch nicht. WEIL Weil die Gegenwart, also, dass, was du erlebst oder das Gefüge von Umständen, in dem du dich gerade befindest, einerseits aus dem besteht, was sich in deiner Vergangenheit ereignet hat und aufbauend darauf jetzt gerade ereignet. Weil die Gegenwart sich andererseits aber auch aus dem zusammensetzt, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hat. Weil gedankliche Projektionen den gegenwärtigen Raum, in dem du dich befindest, ebenso erfüllen wie tatsächliche Gegebenheiten.**** Weil alles, was in diesem Augenblick passiert, im nächsten Moment auch schon wieder vergangen ist.***** X=2 X= 2 mit unserem Projekt nichts zu tun. YEAH Yeah, yeah und nochmal yeah! Mehr ist mir zu dem Buchstaben y nicht eingefallen, aber ab und an darf man ja auch mal jubeln, juhu! ZEIT Zeit bestimmt vieles. Vieles hängt von Timing ab. Timing heißt, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein. Zeit beeinflusst meinen Lebensrhythmus, durchdringt meinen Alltag, regelt meine Körperlichkeiten. Zeit ist so allgegenwärtig, dass ich sie oft vergesse. An Silvester wird mir dann bewusst, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist und in Kürze ein neues beginnt. Ich gehe gerne geradeaus. Nur sind die Wege auf denen ich das versuche in der Regel eher kurvig, holprig und uneben. 2019 will ich versuchen keine geraden Straßen zu planen. Das war mein erster Gedanke im neuen Jahr. EPILOG Die zeitgenössische Tanzperformance I have seen your face on better days von Hannah Krebs wurde am 2. und 3. Februar 2019 im tanzhaus nrw in Düsseldorf aufgeführt und ist ein autobiografisches Stück über Erinnerungen. Choreografie & Performance: Hannah Krebs | Performance: Philipp Hansen, Shiraz Amar, Alexander Talts | Objekt: Pernilla Henrikson | Dramaturgie & Publikation: Lena Kunz | gefördert vom tanzhaus nrw mit der Residenz „Now&Next“ Literatur *Die Art und Weise wie der Text verfasst ist, das Schreiben über Ereignisse und Gedanken in alphabetischer Reihenfolge, ist von folgendem Text inspiriert und zitiert: Sheila Heti (2013): From my Diaries (2006-10) in alphabetical order |**zitiert aus: Sheila Heti (2013): From my Diaries (2006-10) in alphabetical order, S. 93. | ***Erika-Fischer Lichte (2004): Ästhetik des Performativen, Suhrkamp Verlag Berlin | **** inspiriert von: Paul Auster (2017): 4321, Rowohlt Verlag Hamburg | ***** inspiriert von: Maia Means (2018): Remembring a method, in: This container, Edition 06,hrgs: Maia Means, Chloe Chignell, Ellen Söderhult, Sockholm, S. 13-14. Veröffentlicht am 01.02.2019.

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Als meine Mutter verschwand

Dieses Jahr war ich nochmal mit meiner Mutter im Urlaub. Mutter-Tochter-Beziehung stärken und so. Die letzte Stärkung unserer Mutter-Tochter-Beziehung ist fünf Jahre her. Wir waren an der Nordsee. Wegen des Hundes, Bella. Sie fährt am liebsten an die Nordsee sagt meine Mutter immer. An der Nordsee hat es dann hauptsächlich gewindet und geregnet. Zwischendurch kam auch kurz mal die Sonne raus. Dann haben alle schnell ihre Funktionsjacken geöffnet, die Kapuze vom Kopf gezogen und sind barfuß (!) am Strand spaziert. Anstelle der wasserfesten knöchelhohen Wanderschuhe. Die wurden dann nämlich lässig in einer Hand getragen. So flanierten dann alle am Strand. Meine Mutter und ich nicht. Wir trugen immer kurze Hosen und Sandalen, wir Wilden. Eines Morgens war meine Mutter verschwunden, was Bella, den Hund sehr in Aufregung versetzte. Die Mutter-Hund-Beziehung ist nämlich sehr ausgeprägt. Eine halbe Stunde später war meine Mutter wieder da. Mehr ist eigentlich nicht passiert an der Nordsee. Veröffentlicht am 27.07.2018.

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